Aufstehen 

Die letzten Wochen waren sehr speziell für mich, sowohl mental wie auch körperlich. Ich habe, wie noch nicht zuvor hier in Neuseeland, meine Grenzen erlebt und meinen Ängsten gegenübergestanden. Manchmal muss man fallen, um nicht zu vergessen wie man aufsteht.
there’s no one to beat you

No one to defeat you

‚Cept the thoughts of yourself feeling bad

                                          -To Ramona, Bob Dylan

Meine Reise führte mich im Januar gemeinsam mit meinem Israelischen Travelcompanion Rothem von Christchurch die selbe Route gen Süden, die ich einen Monat zuvor mit meinen Freunden aus der Heimat gefahren bin. Ein weiteres mal diese atemberaubende Landschaft zu sehen, mit dem Wissen dass man Zeit hat dort zu bleiben wo man möchte, versetzte mich in ein Hochgefühl der Unabhängigkeit. Dazu der neue Luxus des eigenen Autos, in welchem ich komfortabel und gemütlich schlafen kann…wunderbar!

Unser vorläufiges Ziel war Wanaka. Wir reisten langsam und genossen sonnige Tage im ‘Mackenzie Basin’ mit Mount Cook im Rücken auf den vielen freien Campsites.

Wir verbrachten die Tage mit Gitarrespielen und Bier trinken. Ich kam in den Genuss diverser israelischer Gerichte und wir redeten viel über unsere unterschiedlichen Heimatländer. Wir schauten uns die ‘clay cliffs’ nahe Omarama an und kletterten recht waghalsig den porösen Sandstein hinauf zu einer genialen Aussicht. 

Als ich in der Wand in 30 Metern ein Video mit meinem Handy aufnahm, kommentierte Rothem, der sich noch unter mir die Wand hochkämpfte, mein Vorhaben mit den Worten: ‘Oh! You take one of me? Cool get one before I die…’

Wir fuhren über ‘Lindis Pass’ in Richtung Wanaka. Die Straße schraubt sich stetig die kargen Berge hinauf, bis man die Möglichkeit hat an einem Aussichtspunkt zu parken. Die meisten Leute gehen ca. 5 min zum ausgeschilderten Punkt, einer Plattform unweit der Straße. Ich wollte aber eine richtige Aussicht und wir gingen Querfeldein den Berg hinauf. Der Aufstieg war steil und wir gingen ca. Eine Stunde stetig bergauf bis wir den ersten summit erreichten, der einem ein unglaubliches Panorama bot. Wir gingen dann die ridge entlang, um den höchsten Gipfel zu erreichen. Wir hatten eine Weitsicht bis Wanaka.


Die nächsten Tage schlug das Wetter um und wir suchten vergeblich nach Hostels in Wanaka. Wir entschieden uns die Stadt wieder zu verlassen und in den Vororten zu Campen. Nach 3 Tagen Regen überlegten wir uns, dass es auch eine Option wäre einen Wwoofing Platz in der Nähe zu suchen. Einen schönen Tag hatten wir und ich konnte endlich das Foto machen, was vor mir noch niemand gemacht hat!…;) sehr aufregend…

Wir hatten so dermaßen Glück, dass eine Farm ganz in der Nähe kurzfristig zwei starke ‘Lads‘ suchte, um einen neuen Zaun zu legen. Also ruf ich dort an und sagte, dass wir sofort anfangen könnten. Am nächsten Tag hatten wir bereits Dinner mit Anna, Lochland, Mathilda und Oskar unseren Hosts mit ihren kleinen Kindern. Wir wurden so herzlich empfangen und fühlten uns sofort wie Zuhause. Rothem konnte in einem Karavan schlafen und ich schlief in meinem Auto in den Aprikosenorchards. 

Die Farm ist recht klein und weniger auf Profit eingestellt. Wir wurden dafür eingesetzt, Löcher zu graben, um die Zaunpfosten aufzustellen. Mithilfe verschiedener Schaufeln, Spaten und Eisenstangen, hämmert man stundenlang auf den steinigen Boden ein. Es dauert ca. 2 Stunden bis man ein Loch fertig hatte, je nach Bodenbeschaffenheit. Es war eine anstrengende aber auch irgendwie meditative Aufgabe, wie ein Berserker ein 1,5 Meter Loch zu graben Tag für Tag. Ich konnte Truck fahren und hab den auch schön direkt eine Böschung herunterrutschen lassen. ‚Dingle‘, was der Spitzname unseres ‚Vorarbeiters‘ war, zeigte sich unbeeindruckt und sagte mit starkem Kiwiakzent: ’no worries maaan! I’m gonna get the Traktor!“ Wir wurden wunderbar versorgt mit leckerem Essen und Wein am Abend, spielten mit den Kindern und genossen die Holzofensauna. Wir machten auch einen Track auf den Grandview summit in der Nähe der Farm. 

Die zehn Tage waren einerseits sehr schön und man fühlte sich wie in einer Blase, fern ab von den Dingen die in der Welt passieren. Andererseits spielten sich auch Dinge in meinem Persönlichsten ab, welche letztlich dazu führten dass meine Stimmung stark abfiel und ich mich zeitweise ratlos und verloren vor der nächsten Zeit gesehen habe. Das gute alte Gedankenkarussel wurde wieder angeschmissen und ich fand mich schnell, meine Runden drehend, in Fragen und Zweifeln, Ängsten und Ärger, wieder. 

Ich beschloss kurzer Hand zurück nach Christchurch zu fahren in das Hostel, welches mehr oder weniger meine ‘Homebase’ geworden ist, nicht zuletzt wegen der guten Menschen dort. Rothem und ich beschlossen uns wieder zutreffen, spätestens zu unserem Kayak Trip in Te Anau, welchen wir Mitte Februar gebucht hatten.

In Christchurch wurde ich mit offenen Armen empfangen und mir wurde eine Zeit der Ruhe und des Innehaltens ermöglicht. Ich dachte viel nach, spielte viel Gitarre und genoss die Gesellschaft meiner Freunde im Hostel.

Mit einer Freundin unternahm ich verschiedene Ausflüge in und um Christchurch herum. Wir chillten am Strand und gingen abends in Pubs und Bars. Wir unternahmen auch einen Ausflug nach Kaikoura, wo wir die Nacht über blieben und am nächsten Morgen vom Strand aus bei Kaffee Delfine beobachten konnten.

Bevor ich wieder Richtung Queenstown aufbrach, verbrachten wir beide noch eine Nacht in Oaramu, wo wir Zeugen der nächtlichen Pinguinwanderung vom Hafen zu ihrem Nest auf dem Campsite werden durften. Wir warteten geschlagene 2 Stunden in der nächtlichen Kälte, bis endlich einer aus dem Wasser kam, 2 Meter von uns, und auf seine Gefährten wartete. Dieses Schauspiel findet dort jede Nacht statt. Die Pinguine kommen raus, warten dass die Gruppe vollständig ist und watscheln dann gemeinsam, im Laternenlicht, über die Straße auf den Campingplatz.

Am nächsten Tag fuhr meine Gefährtin wieder zurück nach Christchurch und ich nach Queenstown. Ich stoppte auf dem Weg um einen Track zu machen und schlief am ‘blue lake’, einer alten Goldgrube, die sich seitdem mit Wasser gefüllt hatte.
In Queenstown war ich wieder mitten im Trubel der Stadt und suchte vergebens ein Hostel für die Nacht. Ich fuhr dann auf einen Campsite in der Nähe, um mich am nächsten Tag wieder mit Rothem zu treffen.

Wir beschlossen einen herausfordernden Track in den ‘Remarkables‘ zu machen, der Bergkette, die in den Herr der Ringe Filmen die ‘Misty Mountains’ darstellen. Wir kauften eine detaillierte Map der Region und informierten uns über das Wetter, kauften Verpflegung und starteten am nächsten Tag in der Früh.
Der gesamte Track ist mit 12 Stunden angegeben, wobei die längste Zeit, ca 10 Stunden, kein ausgebauter Track existiert. Nur der Anfang und das Ende ist ein offizieller Track und in Aufsicht des Departements of Conservation.

Wir stiegen auf zu einem Gletschersee auf 1700 Metern, um von dort über Geröllfelder am Berg aufzusteigen. Es war herausfordernd mit dem Gepäck und ohne einem markierten Pfad. Aber wir genossen die Ruhe und die Abgelegenheit, was es zu einem besonderen Erlebnis machte. Wir überquerten die Ridge auf 2000 Metern und es bot sich uns ein genialer Ausblick über das Hochplateau inmitten des Bergmassivs. Links und rechts erhoben sich die Remarkables und in der Mitte erstreckte sich die Valley mit eiskalten Seen und Schneefeldern.

Wir schlugen unsere Zelte an einem See, immernoch auf 1800 Metern, auf und machten Tee und Essen. Es wurde schnell verdammt kalt und wir suchten Schutz in den Zelten. Es war eine eiskalte Nacht in der Wildnis, komplett allein in den Bergen. In Momenten wie diesen hat man die Chance zur Ruhe zu kommen und erlebt ein Gefühl der Unabhängigkeit, welches sonst schwer zu finden ist.

Der nächste Morgen war sonnig, immernoch kalt aber wunderschön. Es begann ein kräftezehrender Abstieg von 1800 Metern, die Valley herunter auf annähernd Meeresspiegel. Wir konnten uns nur mit der Map orientieren und hatten einige schwierige Situationen, an denen wir uns vor Klippen wiederfanden, die senkrecht 30 Meter abfielen. Wir mussten oft umkehren, wieder hochklettern und andere Routen finden.

Rothem bekam schnell Probleme mit seinem Knie welches seit einiger Zeit angeschlagen war. Für ihn war es somit noch anstrengender als für mich. Der Abstieg zog sich gute 7 Stunden hin und wir waren definitif am Limit. Die Schmerzen in den Füßen waren so heftig, dass ich dachte ich hätte mir die Zehen gebrochen. Jeder professionelle Bergsteiger würde es vermutlich als einen einfachen bis mittelschweren Walk bezeichnen, aber für mich war es definitiv der anstrengendste Track, den ich bisher gemacht habe. Ich merkte erstmals welchen Unterschied es macht, ob man einen markierten ausgebauten Track geht oder eben ‘einfach so’ geht.
Wir kamen erschöpft nach 8 Stunden am Auto an und fuhren geradewegs auf einen Campsite um uns zu regenerieren.

In den nächsten 2 Wochen steht eine dreitägige Kayaktour auf einem der größten Fjords des Landes an. Dem Doubtfullsound Sound. Blog Beitrag folgt. Danach gehe ich den ‘Humpridge Track’, ein 60 km langer Walk am südöstlichen Zugang des Fiordland Nationalpark.
Ich hatte in den hier beschriebenen Wochen viel Zeit um über mich nachzudenken. Vielleicht erstmals wirklich unabhängig von anderen. Die Komfortzone wie ich sie kannte gibt es nicht mehr und ich erlebe es, wie ich mir meine ganz Eigene aufbaue und entdecke. Das ist neu und gut und ich sehe neue Wege und denke in Richtungen, in die ich vorher nie gedacht habe.

In diesem Sinne, liebste Grüße an alle Zuhause und danke für die guten Ratschläge und ‘Robert Downey Jr. Gifs’ 😉

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