Tourere Station

24.11.2016 Tourere Station, Central Hawkes Bay, 20.14pm
Ich befinde mich nun seit 4 Tagen bei meiner 2. Wwoofing opportunity, der Familie Swinburn, ihrerseits ‘sheep farmer’ in 3. Generation. Die Farm befindet sich in einer sehr sonnig und heißen Region namens ‘central hawkes bay’. Seit ich hier bin herrscht herrlichstes Wetter, fast schon zu heiß bei der Arbeit, welche hier anfällt. Wo wir schon beim Thema wären:
Um verstehen zu können was hier täglich an Arbeit anfällt, muss ich zunächst die Ausmaße der Farm erwähnen. 1350 Hektar reine Weideflächen für mehr als 13000 Schafe und Lämmer und weitere 1400 Rinder. Das entspricht knapp einem Fünftel der Stadt Kassel.Die Weiden sind vorwiegend an und auf Hügeln, was die Arbeit ungleich erschwert. Die einzelnen ‘mobs‘, was unserem Wort ‘Herde‘ am nächsten kommen würde, müssen in regelmäßigen Abständen die Weiden wechseln, damit das Gras nachwachsen kann. Dieses sog. ‘shiften‘ erfolgt mithilfe von hochmotorisierten Buggies, wobei ich das eigentlich nicht sagen darf…Hier werden die Teile ‘bikes‘ genannt. Es sind jedenfalls allrad taugliche kleine Dinger mit kleiner Ladefläche, auf der bis zu drei Hunde Platz finden. Diese werden dann, begleitet vom ‘bike‘, mit Pfiffen und Rufen befehligt, die Schafe und Lämmer zu bewegen. Ich kam bereits am ersten Tag in den Genuss mitzufahren und staunte wie präzise die ganze Sache von statten geht. Die Hunde seien allerdings nur ‘average‘, es gibt weitaus bessere, so mein Host und Farmmanager Pete(r).

Ich bin die letzten Tage mit Pete’s Cousin John mitgefahren. John arbeitet die halbe Woche auf der Farm und ist mit 65 Jahren ebenfalls ein vollblut Farmer. Was keineswegs heißen soll er sei eine Art ‘Redneck‘. Alle die ich bisher hier kennenlernte sind sehr gebildet, zum Teil studierte Psychologen, und vorallem mega freundlich und interessiert. Wir sprechen viel über die kulturellen Unterschiede und politischen Situationen in NZ und Europa.

Meine Tage hier sahen bisher meist so aus, dass ich früh morgens, d.h. um 5 aufstehe und nach einem Kaffee direkt rausfahre mit John, um bei Sonnenaufgang die ersten ‘shifts’ zu erledigen. Außerdem müssen meist früh am Morgen bereits ‘drafts’ durchgeführt werden. Das bedeutet man trennt die Lämmer von den Müttern, da diese dann vom Truck gegen 7 abgeholt werden und ihrem Ende entgegen fahren. Alles in allem recht hart, aber wer Lamm essen will…nun ja.

Ich habe dabei die Aufgabe die ‘mobs’ also die Herden in den ‘yards’ zu bewegen, damit sie in die richtige Richtung laufen. Wir sprechen hier von meist um die 400 bis 700 Schafen und Lämmern. Die Lämmer bekommen dann noch ‘jabs’ and ‘drenches’, das heißt eine Injektion gegen Krankheiten und eine Flüssigkeit gegen Würmer in ihr Maul. Das geschieht im besten Fall mithilfe des ‘convaiers’, einem Laufband in dem sie sich schlecht bewegen können. Habe mir dabei schon schön beim  ersten mal selber in die Hand gestochen, was wohl den meisten Wwoofern passiert. Eine Französin schaffte es an einem Tag sich 5 mal selber stechen…bin jetzt jedenfalls gegen diverse Schafkrankheiten immun:)

Um acht gibt es dann Frühstück im Haus. Reichhaltig mit Toast bacon and eggs natürlich, damit es danach direkt weiter gehen kann. Es ist Wahnsinn in was für einem Tempo alles von statten geht. Aufs bike, Hunde holen, raus zu den ‘paddocks’. Pete hat dabei den totalen Überblick über 300 Weiden, weiß genau wo welche Herden sind und wann sie die Weiden wechseln müssen. Man rast also von paddock zu paddock, muss alle 3 Sekunden gefühlt Gates öffnen und schließen und dann erledigen die Hunde die meiste Arbeit. Ich finde es jedenfalls mega interessant und es tut gut sich so zu betätigen. Bekomme den dreh auch mehr und mehr raus. Neben den Schafen gibt es auch noch Bullen, die ebenso bewegt werden müssen. Dabei bekommt man schon ein anderes Gefühl, wenn dir 50 700 Kilo Bullen gegenüber stehen und mit ihren Hufen den Dreck aufwirbeln. Man wird zudem so dermaßen dreckig dass es fast schon lächerlich ist. Alle tragen nur Shorts und tshirt und sind bedeckt mit Staub, Matsch und Scheiße. Die Bullen sind mir  mittlerweile schon irgendwie ans Herz gewachsen. Diese plumpen riesigen und schweren Tiere sind, wenn man erstmal ein paar Tage mit Ihnen gearbeitet hat, mega witzig. Wenn man auf die Weide fährt, um die ‘Boys‘, wie sie hier genannt werden, zu bewegen, starren sie dich erstmal alle vollkommen entgeistert an, bis sie dann plötzlich mit einem Ausschrei zur Seite hoppsen. Dabei scheinen sie nicht zu wissen, dass sie mehr als eine halbe Tonne wiegen. Dann wird, begleitet vom heiseren Gebrüll meist passend zum Lauftakt gekackt. Äußerst amüsant anzuschauen.

Den anderen Teil der Zeit verbringe ich mit der Familie und helfe beim kochen,im Garten und mit den drei Kindern, die alle mega süß sind. Habe bereits Lasagne für alle gemacht…Henry’s Rezept etwas abgewandelt;) Danke an dieser Stelle. Hat allen sehr gut geschmeckt.

Ich würde sagen ich habe richtig Glück gehabt zu dieser Familie zu kommen und die wahre “kiwi sheep farming experience” zu bekommen.

Heute ist Samstag und ich habe frei. Bin per Anhalter nach Hastings zurück gefahren und treffe mich gleich mit Björn, der hier einen ‘picking job’ hat seit einer Woche. Schlafe die Nacht hier im Hostel und mache mir einen netten Tag in der Sonne mit Bierchen und kurzer Auszeit vom Farmleben.

Zurück von meinem feucht fröhlichen Wochenende in Hastings startete die Woche wieder mit den üblichen Aufgaben. Gestern also am Sonntag wurde ich eingeladen, in Johns neuem Haus, den Rest der Riesenfamilie kennenzulernen. Die anderen Cousinen und angeheirateten Partner. Alle waren sehr nett und wir aßen Fish and Chips und tranken Champagner:))) zur Einweihung des neuen Hauses. Dachte eigentlich erst es sei ein Scherz gewesen als ich hörte, es gebe Fish and Chips mit Champagner…Aber dem war nicht so. Die weiteren Tage verliefen dann fast schon routiniert. Morgens raus in die yards zum draften und jabben, ‘smoko’ (teatime), einige shifts, Lunch, Bullen wiegen, shifts, Dinner, Fertigkeit…grob umrissen.

Heute am Mittwoch war es besonders anstrengend. Habe morgens zusammen mit John die Lämmer von den Müttern getrennt. Ca. 800 Tiere insgesamt. Dabei kann man nicht verhindern dass sowohl einige Lämmer später zu den Müttern ‘reinrutschen‘ und andersherum.  D.h. Die Tiere aus den Herden rausholen. Mega anstrengende Arbeit, weil bereits die Lämmer Kraft haben und schwer sind, ganz zu schweigen von den Müttern, die dir gerne mal einen Tritt verpassen können der ziemlich schmerzt. Später müssten wir recht schwierige shifts erledigen. Die Weiden waren sehr hügelig und steil. Während John mit den Hunden die Bullen bewegte, wollte ich ein gate am anderen Ende der Weide schließen und fuhr mit dem bike am Hang entlang. John sagte noch: “dont drive when you re not happy with the ground.” Ich bin dann fast abgeschmiert mit dem Teil am steilen Hang. War alles in allem etwas heftig, weil es gute 25 Meter runter ging und ich mich schön seitlich darunter gewickelt hätte. Konnte es aber unter Kontrolle bringen. Dann haben wir noch Bullen drenches verpasst, was denen nicht so gefallen hat. Die Arbeit wurde allerdings größtenteils von John erledigt. Denke mal er wollte es mir ersparen mich zwischen den einepferchten Bullen durchzuquetschen, von allen Seiten angekackt zu werden und ihnen gegen ihren Willen eine Paste in ihr Maul zu spritzen.

Alles in allem habe ich wirklich viel gearbeitet, weitaus mehr als es beim Wwoofen eigentlich üblich ist. Dies lag nicht zuletzt daran, dass der dritte Shepherd Will sich den Arm nach einem Motorradunfall gebrochen hat und die gesamte Zeit ausgefallen war. Pete, Suzanne und John bedankten sich entsprechend herzlich bei mir und sagten, ich habe wirklich mehr als gewöhnlich gemacht und bezeichneten es als amazing:)

Ich find es einfach nur geil soviel Einblick bekommen und soviel machen zu können. Bin jetzt in Wellington und starte am Dienstag nach Christchurch.

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2 Gedanken zu “Tourere Station

  1. Hey janik . Herrlich zu lesen, fast als ob ich selbst mit in der Herde stehe😂. Du schreibst Hammer und deine Bilder sind so so klasse. Ich denke an dich. Genieß diese kostbare Zeit. Deine Melli

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