Thoughts – Über die ‚German Angst‘

Was sich für mich immer nach einer schmerzhaft, lockeren Wortkreation anhörte, beginnt sich mir hier auf meiner Reise neu zu erklären. Auch wenn die eigentliche Definition der ‘german angst’ vorwiegend gesellschaftspolitische Phänomene in den Fokus nimmt, versuche ich hier den Begriff auf das Individuum anzuwenden.

Über landestypische Stereotypen zu schreiben wollte ich eigentlich vermeiden, dennoch komme ich nicht umhin, meine Gedanken zu diesem Thema festhalten zu wollen und zu ordnen.

Ich bin nun wirklich noch nicht lange unterwegs und habe entsprechend noch nicht allzu viele Menschen getroffen. Diejenigen aber welche ich traf und welche mich zum Teil auch einige Tage begleiteten, unterschieden sich nicht nur durch ihre Herkunft, sondern auch und vor allem durch ihre Einstellung und Ausstrahlung. Angefangen bei den Kiwis selbst, muss ich dem zustimmen, was mir viele im Vorfeld der Reise erzählten: Nahezu alle Neuseeländer, welche ich ansprach, etwas fragte oder mich einfach im Hostel mit ihnen unterhalten habe, waren freundlich, offen, interessiert und hilfsbereit. Ich habe keine schlechten Begegnungen und Erfahrungen mit Kiwis machen müssen bisher. Meine ersten ‘hitchhiking’ Freunde Clement und Fanny waren zwei durch und durch nette Personen, die auch vielleicht da sie bereits ein Jahr hier gewesen sind, mit einer vergleichbaren Offenheit und freundlichen Grundhaltung ihren Mitmenschen begegnen. Man grüßt sich im Vorbeigehen oder schaut sich zumindest kurz lächelnd an. Man geht auf fremde Menschen interessiert und warmherzig zu und man beklagt sich nicht über scheinbar Belangloses.

Meine bisherigen Begegnungen mit Deutschen liefen überwiegend anders ab:

Beispiel I

Busfahrt von Auckland nach Whangarei in den Norden. Man steht nebeneinander aufgereiht an der Wand des Busbahnhofs, den Blick auf den Bus gerichtet, welcher noch ohne Fahrer an seinem Steig wartete. Neben mir ein junger Typ, schätzungsweise 20-25 Jahre mit Sack und Pack und dicken Kopfhöhrern auf. Mein Gefühl sagte sofort “deutsch” und ich hatte recht. Am Rastplatz nach knapp 1 ½ Stunden Fahrt saßen wir gemeinsam an einem Tisch draußen auf dem Parkplatz. Ich fragte ihn woher er komme und wie lange er schon da sei und was er vor hat. Seine Reaktion war schwer zu deuten, vermittelte mir aber das Gefühl, dass ich ihn nerve. Mit kurzen Sätzen erklärte er, er sei erst kurz hier und habe vor den Te Araroa Trek auf der Nordinsel zu machen. Also quasi einmal von nord nach süd durchwandern. Ich zeigte mich ernsthaft interessiert und hakte nach, bekam aber nur müde, fast lethargisch anmutende Antwortfetzen aus ihm heraus. Dann stiegen wir wieder in den Bus, wo er wieder seine Kopfhöhrer aufsetzte und aus dem Fenster schaute.
Beispiel II

Meine netten ‘Bois’, welche mich von Pahia mit zum Cape mitgenommen haben (mehr dazu bald im Blog). Dadurch, dass die Jungs zu dritt unterwegs sind und direkt nach ihrem Abitur die Reise antraten, denke ich, dass einige Faktoren bei ihnen zusammenkommen, welche stellvertretend für viele junge deutsche Reisende in Neuseeland gelten. Es mag gut sein, sich durch eine Reise Klarheit darüber verschaffen zu wollen was man will. Diese Tatsache und der damit einhergehende Mut in so jungen Jahren so weit von zuhause weg zu sein, respektiere ich. Dennoch wirft sich mir die Frage auf, wie hoch ist der eigentliche ‘Mehrwehrt’ dieser Entscheidung? Die drei Jungs verbringen ihre Tage vorwiegend damit auf den verschiedenen Campingplätzen gegeneinander Schach auf ihrem Tablet zu spielen, einzukaufen oder Musik zu hören. Initiative Aktionen, wie das Besichtigen von umliegenden Sehenswürdigkeiten, so wie ich es mitbekam, finden eher selten statt. Dazu kommt, dass sie keinerlei Veranlassung haben aus ihrer Dreierkonstellation heraus, neue Leute kennenzulernen. Ich habe es ihnen gegenüber etwas provokant ausgedrückt indem ich sagte, sie hätten auch so an der Ostsee Urlaub machen können. Nun will ich die Jungs hier nicht in die Pfanne hauen oder Ähnliches (nichts für ungut Bois, solltet ihr das lesen ;), aber stelle doch fest, in der kurzen Zeit in der wir gemeinsam unterwegs waren, dass sie sich gewissermaßen selbst im Weg stehen unmittelbare, wahre Erfahrungen hier machen zu können. Vielleicht kommt das ja noch mit der Zeit.
Beispiel III

Abends im Hostel lud ich meinen deutschen Zimmernachbarn (23 Jahre, Lehramtsstudent) auf eine Flasche Wein ein. Wir unterhielten uns nett und er berichtete, dass er auch erst seit 2 Wochen hier sei und auch noch bis März Zeit habe. Obwohl wir immer wieder darin übereinstimmten, wie geil dieses Land ist und zu sein scheint, fiel er und ich zum Teil auch zwischendurch auf Themen wie ‘finanzielle Planung’, ‘Sparen’, ‘Arbeiten’, ‘Autoreparatur’ u.ä. zurück. Wir überlegten am nächsten Tag gemeinsam einen Surfkurs zu belegen. Am nächsten Morgen wollte er aber doch lieber weiterfahren, da es vielleicht wohl nicht in seine Zeit-und Budgetplanung passte zu surfen.
Neben den drei exemplarischen Begegnungen, gab es noch weitere Situationen in denen ich glaubte, die ‘german angst’ zu sehen. Vielleicht liegt es wirklich vorwiegend am Alter und der fehlenden Lebenserfahrung, welche damit einhergeht. Es sind nunmal besonders viele junge Deutsche hier unterwegs. So zumindest eine Theorie. Ob es an der Herkunft selbst liegt, kann ich nicht beantworten.
Nun kann ich keineswegs sagen, dass ich frei von den oben aufgeführten Einstellungen und ‘Macken’ bin. Ich beginne aber hier, mir darüber bewusst zu werden und möchte versuchen mehr und mehr davon abzulegen, um eben die Erfahrungen machen zu können, die dieses wunderbare Land für mich bereithält. Somit versuche ich der ‘german angst’ und der ganz Persönlichen ‘Lebewohl zu sagen’.

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3 Gedanken zu “Thoughts – Über die ‚German Angst‘

  1. Tja , Sozialisation und Alter spielen bestimmt eine große Rolle..und auch das eigene , persönliche Ziel.
    Was möchte ich in diesem Land?
    Was suche ich?
    Was will ich entdecken und finden?
    Warum bin ich hier..
    Danach richtet der Mensch sein innerstes dann aus…
    Und die jungen Menschen wollen vielleicht einfach nur weit weg sein…
    Und ansonsten alles beim alten lassen..
    Dir viel Neues weiterhin..
    Liest sich gut.
    Knutsche dich
    Deine Tante

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